Wie mein Stil geboren wurde

Es liegt schon ein paar Jahre zurück und es ist Februar.
Durch Sturm und ein wüstes Schneegestöber fahre ich zur Kunstfabrik nach Wien. Die Kunstfabrik ist in Stadlau, einem Stadtteil am östlichen Stadtrand von Wien. Erstmals fahre ich dorthin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Einmal geht’s noch, hab ich mir gedacht und starte einen neuen, zuversichtlichen Anlauf, Künstlerin zu werden. Es läuft ganz gut. Ich sitze im Bus. Der fährt durch dicke Schneeflocken in den Straßen von Stadlau. Mit mir trage ich meine Handtasche und ein Plastiksackerl vom Supermarkt mit ein paar Tuben Farben und Pinseln in unterschiedlichen Stärken. Und natürlich einem Wasserglas.

Nichts ahnend fahre ich an der Kunstfabrik vorbei und steige an der falschen Station aus. Der türkische Busfahrer hatte versprochen, mir die richtige Station zu sagen. Er hat’s nur nicht getan. Mühsam kämpfe ich mich durch die wild wirbelnden Schneeflocken. Ich sehe die Hand vor meinen Augen nicht und von Auskennen in Stadlau kann keine Rede sein. Auf einer Tankstelle weist man mir den Weg und so stapfe ich durch den tiefen Winter im 22. Wiener Gemeinde Bezirk.

Mit tropfenden Schuhen und schneebedecktem Haar komme ich endlich an. Zu spät. Die Vorstellrunde hat bereits begonnen. Ich versuche mich möglichst unauffällig in den heiligen Kreis der Künstler zu integrieren, was mir nur bedingt gelingt. Alle sehen mich an.

Der letzte Arbeitsplatz, der noch frei ist, wird mir zugewiesen.
Ein erster Blick in die Runde lässt mich ganz still und ehrfürchtig werden. Ich sehe vorwiegend Damen, die, wie es scheint, seit Jahren ihren Ruhestand der Malerei widmen. So sehen ihre Arbeiten auch aus. Elegant monochrom oder wirkungsvoll in Komplementärfarben gemalt, gespachtelt oder geschüttet. Meine Ehrfurcht steigt ins Unermessliche. Ach ja, und fast alle tragen sie weiße Arbeitsmäntel. Wie richtige Malerinnen eben. Ich habe Omas selbst genähte Schürze in dunkelblau mit roten Applikationen mitgebracht.

Auf den Tischen türmen sich Tuben, Flaschen, Dosen, Tuschefläschchen, Pinsel, Spachteln und allerlei Werkzeug, das ich noch nie gesehen habe. Ganze Kofferraum Füllungen müssen das. Dann geht’s los. Alle malen. Die Kursleiterin zieht ihre Runden um alle bestmöglich zu unterstützen.

Ein paar Leinwände habe ich im hauseigenen Shop im 2. Stock besorgt und ganz heimlich auch ein paar zusätzliche Farben, damit auch mein Tisch etwas professioneller wirkt. Mit Freude male ich drauf los. Gelb, hellblau und auch rosa und grün gefallen mir heute besonders gut.
Dann und wann gehe ich von Tisch zu Tisch um zu sehen, was die anderen so machen. 

Dann plötzlich – ganz leise ist sie an meinen Arbeitsplatz getreten – eine jüngere Kollegin. Eingehend betrachtet sie meine Bilder. Ich spüre Freude in mir aufkeimen. Sie gefallen ihr! Ganz bestimmt! Warum wohl sieht sie sonst die Bilder so lange an? Sie sieht mir in die Augen. Kurze Pause. Sie scheint zu überlegen. Dann kommt das Unheil mit voller Wucht: „Das sind doch Kinderzimmerfarben!“
Ich bin zerschmettert, hasse im Augenblick meine Bilder – und meine Kollegin natürlich auch.

Nächster Morgen. Ich mache mich wieder auf den Weg. Nein, ich gebe nicht auf. Heute schneit es auch nicht mehr und ich finde meinen Weg.

Entschlossen lege ich meine Bilder nebeneinander auf den Tisch, blicke nicht links, nicht rechts, übermale alles, farbreduziert, beinahe monochrom. Ich arbeite konzentriert. Wie im Flug geht der Kurstag zu Ende und plötzlich stehe ich vor drei ganz neuartigen Bildern. Wow! Hab die tatsächlich ich gemacht?? Erstaunen und wohlige Zufriedenheit.

Mein reduzierter Malstil war geboren und auch meine Freude an Serien. Über die Jahre habe ich beides perfektioniert und weiterentwickelt. Und ja, auch ich fülle jetzt ganz problemlos einen Kofferraum mit meinen Malutensilien.